Unsere Zeitzeugin Margot Barnard

Margot Barnard war unserer Schule über vielen Jahren als Zeitzeugin verbunden. Vielen Generationen unserer Schülerinnen und Schüler hat sie aus ihrem Leben erzählt, ihnen die Zeit der Nationalsozialismus aus der Sicht einer Betroffenen anschaulich geschildert. Dies macht sie stets aus der Haltung der offenen Neugier auf unsere Schülerinnen und Schüler und die Hoffnung auf ein gerechtes und friedliches Miteinander von Menschen und Völkern.

Lebenslauf

Margot Barnard, geboren 1919, wächst in einer bürgerlichen Familie auf. Den Eltern geht es gut, sie und ihr Bruder erleben eine sorgenfreie, unbekümmerte Kindheit. Die Tatsache, dass Margot Jüdin ist, spielt in den ersten Lebensjahren keine Rolle, die ganze Familie fühlt sich "sehr deutsch". Doch mit zunehmender antisemitischer Propaganda und Gesetzgebung des NS-Regimes wird die Stimmung in ganz Deutschland Juden gegenüber feindseliger. Margot beginnt sich intensiv mit dem Judentum auseinanderzusetzen Angeleitet von einem Onkel befasst sie sich mit dem Zionismus. Die Idee von Theodor Herzl, die Juden bräuchten einen eigen Staat, begeistert die junge Margot so sehr, dass in ihr der Wunsch wächst, an dessen Aufbau in Palästina teilzunehmen. Gegen den Willen ihrer Eltern engagiert sie sich in jüdischen Jugendgruppen und erzählt ihren Altersgenossen bei jeder Gelegenheit von den Ideen des Zionismus.

Während der nationalsozialistische Terror zunimmt, wächst auch die Angst der Familie Kober vor einer ungewissen Zukunft. Schließlich beantragt Margot gegen den Willen der Eltern ein Einreisezertifikat für Jugendliche nach Palästina. Am 1. September 1936 muss Margot sich am Bonner Bahnhof von ihren Eltern verabschieden.

In Palästina angekommen, ist Margot bald enttäuscht von der Realität. Das Leben im Kibbuz Beth-Sera am See Genezareth ist so anders als gewohnt. Die Umsetzung der zionistischen Ideen, die sie begeistert haben, ist im Alltag sehr schwer. Die Eltern schreiben ihr, dass sie nach Deutschland kommen soll. Doch nach Deutschland zurück kann und will sie nicht. Als die Situation in Deutschland für Juden unerträglich wird, bitten die Eltern Margot, sie nach Palästina zu holen. Margot verlässt den Kibbuz und versucht vergeblich ein Zertifikat für die Eltern zu bekommen.

Sie lebt zunächst in Haifa, dann in Jerusalem und meldet sich schließlich 1942 bei der britischen Armee. In Jerusalem lernt sie Ted Barnad, ihren späteren Mann, kennen. Der ist Brite und beim englischen Militär und wird nach einiger Zeit in den Sudan versetzt. Erst nach einigen Schwierigkeiten mit den Behörden, können Margot und er 1944 in Kairo heiraten. 1945 gehen sie gemeinsam nach England, wo die beiden Söhne zur Welt kommen.

Bereits 1944 hatte Margot von einem Verwandten erfahren, dass ihre Eltern wahrscheinlich nicht mehr leben. Nach 1945 erfährt sie, dass sie von Krefeld aus deportiert und ermordet wurden.

Ihrem Mann folgt sie zu verschiedenen Stationierungsorten: Gibraltar, Nottingham, Nigeria, Hannover, Herford und schließlich London, wo sie eine neue Heimat gefunden hat.

1964 verstarb Ted Barnard während einer Herzoperation.

Ab 1983 besucht Margot Barnard regelmäßig ihre Geburtsstadt Bonn im Rahmen der Begegnungswochen und seit 1987 Schulen in Deutschland und Großbritannien, um aus ihrem Leben zu erzählen. (1994 nahm sie auch wieder die deutsche Staatsbürgerschaft an.)

Der nachwachsenden Generation zu erzählen, welche Folgen Vorurteile und Engstirnigkeit haben, verbindet sie mit der Hoffnung, dass die folgenden Generationen dies überwinden und zu einem friedlichen und freien Zusammenleben aller Nationalitäten und Religionen zusammenfinden.

Für ihr jahrzehntelanges Wirken hat Bundespräsident Joachim Gauck im Jahr 2013 Margot Barnard den Verdienstorden der Bundesrepublik Deutschland verliehen.

Margot Barnard verstarb am 06.02.2015 im 96. Lebensjahr.

Margot Barnard und unsere Realschule

Über zwanzig Jahren erzählte sie als Zeitzeugin deutschen und englischen Schüler/innen über ihre Jugend im beginnenden Nationalsozialismus. Zu unserer Realschule hatte sie dabei ein besonderes Verhältnis:

"Als ich 1987 mit den Schulgesprächen in Deutschland begann, war ich noch unerfahren in solchen Dingen. Ich hatte aber das große Glück, von einer Schule eingeladen zu werden, die mir bei diesem Einstieg sehr geholfen hat. Es war die Realschule in Medinghoven in der Nähe von Bonn. Von Anfang an fühlte ich mich wohl in der freundlichen Atmosphäre dieser Schule. Man empfing mich mit viel Wärme, das Lehrerkollegium nahm mich sofort in seine Reihen auf. Gleich in der ersten Klasse, in der ich auftrat, wurde deutlich, dass die Kinder gut vorbereitet waren. Nach meinen Vorträgen wurde ich von den Lehrern zu gemeinsamen Mahlzeiten eingeladen, woraus sich eine Tradition entwickelte. Ich spürte ihr Interesse an diesem Projekt. Der gute Kontakt hat sich bis heute erhalten. Vor einigen Jahren wurde mir eine besondere Ehrung zuteil: Leitung und Elternvereinigung der Schule überreichten mir als Anerkennung meiner Aktivitäten eine Urkunde." (S. 311, s.u.)

Über dies und noch viel mehr, auch über die immer wieder schwierige Erinnerung an die Zeit des Nationalsozialismus und die Ermordung ihrer Familie, erzählt sie ausführlich und berührend in ihrer Autobiographie: BARNARD, Margot: "Ich sehe Dich nie wieder!". Erinnerungen für die Zukunft. Bonn 2009 (Das Buch ist in der Schülerbücherei vorhanden; Signatur: 6.1. Barn)